Östrogendominanz: Eine Frau mit Unterleibsbeschwerden auf dem Sofa
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Östrogendominanz: Ursachen, Normwerte und Behandlung

Von: Brit Weirich (Medizinautorin, M.A. Mehrsprachige Kommunikation)
Letzte Aktualisierung: 16.02.2025

Bei einer Östrogendominanz wird das weibliche Geschlechtshormon Östrogen im Verhältnis zu Progesteron in zu hohen Mengen produziert. Dies kann verschiedene gesundheitliche Probleme verursachen. Denn Östrogen steuert zahlreiche körperliche Prozesse wie den Menstruationszyklus. Was sind Ursachen für eine Östrogendominanz und wie lässt sich der Hormonhaushalt wieder regulieren?

FAQ: Häufige Fragen & Antworten zum Thema Östrogendominanz

Typische Anzeichen sind unregelmäßige Zyklen, Wassereinlagerungen, Stimmungsschwankungen und ein Spannungsgefühl in der Brust. Eine sichere Diagnose erfolgt durch Hormontests.

Was ist eine Östrogendominanz?

Der Begriff Östrogendominanz beschreibt einen Zustand, in dem Östrogen im Vergleich zu dem anderen weiblichen Sexualhormon, Progesteron, im Überfluss vorhanden ist. Dazu kommt es entweder durch 

  • eine übermäßige Produktion von Östrogen oder 
  • durch eine unzureichende Bildung von Progesteron. 

Es handelt sich also nicht zwingend um eine absolute Erhöhung der Östrogenkonzentration. Möglich ist auch ein Missverhältnis zwischen den beiden Hormonen.

Aufgaben von Östrogen

Östrogene werden in den Eierstöcken produziert. Es gibt drei Hauptformen des Hormons: Östron (E1), Östradiol (E2) und Östriol (E3). Östriol ist das wirksamste Östrogen und übernimmt den Großteil der Funktionen, darunter:

  • Regulierung des Menstruationszyklus und Vorbereitung auf mögliche Schwangerschaft: Östrogene steuern das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut und beeinflussen die Reifung der Eizelle und somit auch die Fruchtbarkeit.

  • Knochengesundheit: Sie fördern die Einlagerung von Kalzium in die Knochen und schützen vor Osteoporose.

  • Herz-Kreislauf-System: Östrogene haben eine gefäßerweiternde Wirkung und unterstützen die Elastizität der Blutgefäße.

  • psychische Gesundheit: Sie beeinflussen die Produktion von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin, die für das psychische Wohlbefinden entscheidend sind.

  • Haut und Bindegewebe: Östrogene tragen zur Kollagenproduktion und somit zur Hautelastizität und Feuchtigkeitsversorgung bei.

Ein Überschuss an Östrogen kann verschiedene gesundheitliche Probleme verursachen, die sich sowohl körperlich als auch psychisch auswirken.

Östrogenmangel: Diese Werte gelten als normal

Das Verhältnis von Progesteron zu Östradiol ändert sich bei Frauen im Laufe des Zyklus. Folgende Östrogenwerte liegen während der jeweiligen Zyklusphase im Normbereich:

ZyklusphaseNormwert (Östradiol)
Follikelphase (1. Tag der Menstruation bis 13. oder 14. Zyklustag)30,9 - 90,4 Pikogramm (pg)/Milliliter (ml)
Ovulationsphase (um den Eisprung herum am 14. Zyklustag)60,4 - 533 pg/ml
Lutealphase (nach dem Eisprung bis zur nächsten Regelblutung)60,4 - 232 pg/ml
Postmenopause (12 Monate nach der letzten Regelblutung)< 5,0 - 138 pg/ml

Ebenso wirkt sich eine Schwangerschaft auf den Hormonspiegel aus. Bei schwangeren Frauen sind die Sexualhormone deutlich erhöht. Hier gelten folgende Normwerte:

TrimesterNormwert
1. Trimester154 - 3243 pg/ml
2. Trimester1561 - 21280 pg/ml
3. Trimester8525 - > 30000 pg/ml

Bei Männern gelten Östrogenwerte zwischen 11,3 und 43,2 pg/ml als normal. 

Bei einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie können individuelle Zielwerte vereinbart werden. Diese entsprechen den aktuellen Empfehlungen für die Behandlung von Transpersonen und sollten regelmäßig kontrolliert werden.

Wie kommt es zu einer Östrogendominanz?

Die Ursachen einer Östrogendominanz sind vielfältig. Häufig spielen folgende Faktoren eine Rolle:

  • hormonelle Dysbalancen: Eine verminderte Progesteronproduktion, beispielsweise in den Wechseljahren, kann zu einer relativen Östrogendominanz führen.

  • exogene Östrogene: Körperfremde Östrogene, sogenannte Xenoöstrogene, sind in Plastikverpackungen, Kosmetika und Pestiziden enthalten und können hormonelle Ungleichgewichte verursachen.

  • Übergewicht: Übergewicht (Adipositas) steigert die Östrogenproduktion, da Fettgewebe (insbesondere Viszeralfett) Hormone bildet.

  • Stress: Chronischer Stress führt zu einer verstärkten Ausschüttung von Cortisol, dem wichtigsten Stresshormon der Nebennieren. Progesteron dient als Vorstufe für die Cortisolbildung. Bei anhaltendem Stress wird daher mehr Progesteron gebildet, was das Verhältnis von Östrogen zu Progesteron stört. Stress kann zudem die Leber belasten, die für den Abbau überschüssiger Östrogene zuständig ist. Ein verlangsamter Abbau kann zu einem relativen Östrogenüberschuss führen.

  • Ernährung: Eine ballaststoffarme Ernährung verlangsamt die Ausscheidung von Östrogen über den Darm. Außerdem können gesättigte Fette und Transfette entzündliche Prozesse fördern und die hormonelle Regulation stören.

  • Bewegungsmangel: Sportliche Betätigung unterstützt die Leberfunktion und trägt zur schnelleren Ausscheidung von überschüssigem Östrogen bei. 

  • Beeinträchtigung der Leberfunktion: Stress kann die Leber belasten, die für den Abbau überschüssiger Östrogene zuständig ist. Ein verlangsamter Abbau kann zu einem relativen Östrogenüberschuss führen.

  • hormonelle Erkrankungen: Das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS), Endometriose und Lebererkrankungen können den Östrogenspiegel erhöhen.

  • hormonelle Verhütung: Die Einnahme östrogenhaltiger Verhütungsmittel kann zu einer relativen Dominanz des Sexualhormons führen. In einigen Fällen ist jedoch auch das Absetzen der Antibabypille verantwortlich für eine Östrogendominanz. Denn viele Präparate enthalten synthetische Hormone, die die körpereigene Hormonproduktion während der Einnahme unterdrücken. Nach dem Absetzen benötigt der Körper Zeit, um die natürliche Hormonproduktion wieder zu regulieren.

Was sind Anzeichen einer Östrogendominanz?

Typische Symptome einer Östrogendominanz sind:

Auch erhöht ein Östrogenüberschuss das Risiko für gutartige Geschwulste der Gebärmutter (Myome), die wiederum Verstopfung, Harndrang und unangenehme Druckschmerzen im Becken verursachen können. Unfruchtbarkeit ist eine weitere mögliche Folge von Myomen.

Ein erhöhter Östrogenspiegel steigert zudem das Erkrankungsrisiko für Endometriose.

Östrogenmangel kann ähnliche Symptome haben

Ein Mangel des Sexualhormons kann den Beschwerden bei einer Östrogendominanz stark ähneln, da beide Zustände das hormonelle Gleichgewicht stören – wenn auch auf unterschiedliche Weise. Symptome, die auch bei einem Östrogenmangel auftreten können, sind etwa Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, Gewichtszunahme und Zyklusunregelmäßigkeiten. Um eine passende Behandlung einzuleiten, ist also eine genaue Diagnostik notwendig.

Wie wird eine Östrogendominanz diagnostiziert?

Die Diagnose einer Östrogendominanz erfolgt durch eine Kombination aus Anamnese, Symptomanalyse und Hormondiagnostik. Die*der Ärztin*Arzt wird die betroffene Frau zunächst fragen, welche Beschwerden vorliegen und seit wann diese auftreten. Auch gynäkologische Vorerkrankungen, frühere Schwangerschaften, die Einnahme hormoneller Verhütungsmittel und Lebensstilfaktoren wie Stress, Ernährung oder Umweltbelastungen spielen eine Rolle.

Hormonstatus bestimmen

Die genaueste Methode zur Diagnose einer Östrogendominanz ist die Bestimmung der Hormonwerte im Blut, Speichel oder Urin. Dabei ist es wichtig, den richtigen Zeitpunkt für die Probenentnahme zu wählen, da die Hormonspiegel im weiblichen Zyklus schwanken.

Zur Bestimmung der Hormonwerte können folgende Tests eingesetzt werden:

  • Bluttest (Serumanalyse): Bestimmung des Östrogen- und Progesteronspiegels im Blut, idealerweise in der zweiten Zyklushälfte (etwa eine Woche nach dem Eisprung, zwischen dem 19. und 21. Zyklustag)

  • Speicheltest: Liefert ein besseres Bild über die hormonelle Regulation im Tagesverlauf und wird oft ergänzend zum Bluttest eingesetzt

  • Urinanalyse (Dried Urine Test for Comprehensive Hormones, DUTCH-Test): Gibt Hinweise darauf, ob Östrogene vermehrt oder unzureichend abgebaut werden und ist sinnvoll bei Verdacht auf Störungen der Leberfunktion

Differentialdiagnostik

Da viele Symptome einer Östrogendominanz unspezifisch sind, müssen andere hormonelle Störungen ausgeschlossen werden, z. B.:

  • PCOS (Polyzystisches Ovarialsyndrom)
  • Schilddrüsenfunktionsstörungen (Hypothyreose oder Hyperthyreose)
  • Nebennierenprobleme (Cortisol-Dysbalancen, chronischer Stress)

Auch hierzu ist ein Bluttest nötig. Das follikelstimulierende Hormon (FSH) und das luteinisierende Hormon (LH) können etwa Aufschluss über PCOS geben, während die Schilddrüsenhormone TSH, fT3 und fT4 auf eine Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion hinweisen.

Bildgebende Verfahren

Falls Verdacht auf Myome, Endometriose oder andere hormonabhängige Veränderungen besteht, kann eine gynäkologische Ultraschalluntersuchung (Sonographie) durchgeführt werden. In bestimmten Fällen ist auch eine Magnetresonanztomographie (MRT) oder eine Endometriumbiopsie sinnvoll, etwa bei unklaren Gewebeveränderungen.

Wie lässt sich eine Östrogendominanz behandeln?

Die Behandlung einer Östrogendominanz hängt von der Ursache ab. Mit diesen Maßnahmen lässt sich das hormonelle Gleichgewicht häufig wieder herstellen:

  • Lebensstiländerungen: Regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung mit ballaststoffreichen Lebensmitteln und der Verzicht auf Alkohol und Nikotin unterstützen die Hormonregulation.

  • Stressmanagement: Ausreichend Schlaf sowie Yoga und Meditation können den Cortisolspiegel senken und so hormonelle Ungleichgewichte ausgleichen.

  • Vermeidung von Xenoöstrogenen: Eine Reduzierung des Einsatzes von Plastik, die Verwendung natürlicher Kosmetikprodukte und der Verzehr von Bio-Lebensmitteln minimieren die Aufnahme körperfremder Östrogene.

  • natürliche Progesteronquellen: Bestimmte Lebensmittel wie Walnüsse, Sonnenblumenkerne und Avocados können die Progesteronproduktion unterstützen.

Medikamentöse Therapie bei Östrogendominanz

In vielen Fällen lässt sich der Hormonhaushalt durch eine Anpassung des Lebensstils regulieren. Wenn jedoch starke Beschwerden oder gesundheitliche Risiken bestehen, kann eine medikamentöse Therapie sinnvoll sein. Zum Einsatz kommen etwa:

  • Progesteronpräparate: Da eine Östrogendominanz häufig mit einem relativen Mangel an Progesteron einhergeht, wird oft Progesteron zur Behandlung eingesetzt, zum Beispiel in Form von Kapseln oder als Creme. 

  • selektive Östrogenrezeptormodulatoren (SERMs): Wirkstoffe wie Tamoxifen und Raloxifen senken den Östrogenspiegel nicht direkt. Sie wirken gezielt in bestimmten Geweben, indem sie die Östrogenwirkung hemmen oder verstärken. SERMs sind keine Standardtherapie bei Östrogendominanz, können aber in speziellen Situationen hilfreich sein. Besonders Frauen mit Mastopathie, Myomen oder Osteoporoserisiko können unter ärztlicher Aufsicht von einer Behandlung mit SERMs profitieren.

  • Aromatasehemmer: Aromatasehemmer verringern die Umwandlung von Androgenen (männliche Geschlechtshormone) in Östrogene und kommen insbesondere bei hormonabhängigen Erkrankungen zum Einsatz.

  • gestagenhaltige Hormonpräparate/Hormontherapie: Bestimmte hormonelle Verhütungsmittel oder Hormontherapien enthalten synthetische Gestagene (künstliche Hormone), die den Progesteronmangel ausgleichen und eine Östrogendominanz abschwächen können. Gestagenpillen, Hormonspiralen oder Depotspritzen unterdrücken zudem das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut und können Beschwerden lindern.

  • Leber- und Stoffwechselunterstützende Medikamente: Da die Leber eine zentrale Rolle im Abbau von Östrogen spielt, können bestimmte Präparate wie Mariendistel oder N-Acetylcystein (NAC) den Östrogenstoffwechsel unterstützen.

  • Antidiabetika: In einigen Fällen werden Medikamente zur Verbesserung der Insulinsensitivität (z. B. Metformin bei PCOS) eingesetzt, da eine gestörte Glukosestoffwechselregulation die Östrogendominanz begünstigen kann.

  • Heilpflanzen: Auch einige Heilpflanzen werden zur Behandlung einer Östrogendominanz eingesetzt. Mönchspfeffer regt etwa die Bildung von Progesteron an und kann den Überschuss an Östrogen so ausgleichen. Bei der Anwendung sollte jedoch auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten geachtet werden.